Unter Deutschen Wissenschaftsbloggern gibt es seit einigen Wochen eine Diskussion um eine der PISA Fragen. Und zwar Folgende zum Thema Evolution:

Welche der folgenden Aussagen trifft am besten auf die Evolutionstheorie zu?

A Die Theorie ist unglaubwürdig, da Veränderungen der Arten nicht beobachtet werden können.
B Die Evolutionstheorie gilt für Tiere, nicht aber für den Menschen.
C Die Evolution ist eine wissenschaftliche Theorie, die sich gegenwärtig auf zahlreiche Beobachtungen stützt.
D Die Evolution ist eine Theorie, die durch Forschung bewiesen worden ist.

Die korrekte Antwort ist C. Zum Vergleich hier noch die Englische Version der Frage:

Which one of the following statements best applies to the scientific theory of evolution?

A The theory cannot be believed because it is not possible to see species changing.
B The theory of evolution is possible for animals but cannot be applied to humans.
C Evolution is a scientific theory that is currently based on extensive evidence.
D Evolution is a theory that has been proven to be true by scientific experiments.

Für mich sieht das eigentlich eindeutig aus und ich hätte keinen Grund für eine Diskussion erkannt. Leider klingt Antwort C in der Deutschen Übersetzung recht schwach, und das hat dann wohl auch einige Blogger (Sandra Thal (Wissenslogs) and Kamenin (Begrenzte Wissenschaft)) zu der Meinung veranlasst, Antwort D sollte als korrekt gezählt werden, da die Evolutionstheorie absolut erfolgreich ist. Andere haben Diskussionen zu dem Thema eröffnet (Christian Reinboth from Frischer Wind (Scienceblogs), Skeptic as hell) oder den PISA-Organisatoren sogar einen Brief geschickt (Marcus Anhäuser from Placeboalarm (Scienceblogs), und sogar schon eine Antwort erhalten).

Das Problem mit der Aussage “Antwort D sollte die korrekte Antwort sein“ ist, dass sie wissenschaftsphilosophischen Grundlagen widerspricht. Jeder Wissenschaftler* sollte wissen, dass es unmöglich ist, eine Wissenschaftliche Theorie zu beweisen. Was mich in solchen Diskussionen auch häufig stört ist, dass verschiedene Leute die gleichen Wörter verwenden, aber ihnen unterschiedliche Bedeutungen geben. Ich werde mich bemühen, mein Verständnis der entscheidenden Begriffe im folgenden deutlich zu machen.
Des weiteren haben sich in der Wissenschaftstheorie im 20ten Jahrhundert viele Positionen zu der Frage, was Wissenschaft ist, geformt. Manchmal wird argumentiert, dass modernere Auffassungen als die häufig ins Feld geführte Philosophie von Popper, zur Aktzeptanz der Beweisbarkeit von Wissenschaftlichen Theorien führen könnten. Ich werde versuchen zu zeigen, dass dies nicht der Fall ist, da das zugrunde liegende „Induktionsproblem“ ungelöst bleibt.
Am Ende komme ich noch einmal auf den Fall der PISA Frage zurück und werde auf ein grundlegenderes Problem hinweisen, auf das ich beim Verfolgen der Diskussion gestoßen bin.




Was meine ich mit “Theorie”

Wenn man sagt “Leben ist evolutionär” oder “Massen ziehen einander an”, so ist dies nur ein Ausdruck eines generellen Prinzips. Es könnte etwas sein, das irgendwann zum ersten mal beobachtet wird (Entdeckt). Aber sie sind noch kein Ausdruck einer vollständigen Wissenschaftlichen Theorie wie ich das Wort verstehe und sollten nicht mit Theorien verwechselt werden. „Theorien“ werden entwickelt, um zu beschreiben wie und vielleicht warum diese Prinzipien beobachtet werden. Sie mögen sich mit der Zeit wandeln, wie z.B. Newtons Gravitationstheorie durch Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie ersetzt wurde. Aber die Grundlegenden Beobachtungen bleiben gleich: Massen ziehen einander immer noch an und Newtons Theorie ist auf gewissen Skalen mit der ART kompatibel. Eine Theorie ist somit mehr als nur eine einfache Feststellung.

Ich denke auch, dass es inzwischen gut beobachtet ist, dass Leben sich entwickelt, aber die dahinter liegende Theorie mag vielleicht weiter verbessert werden, ohne dass sich das zugrunde liegende Prinzip auf gewissen Skalen wandeln muss. Wir dürfen nicht sagen, dass die Evolutionstheorie eine bewiesene Theorie ist, da wir dies in der Wissenschaft niemals sagen können.

Warum können wir eine Wissenschaftliche Theorie nicht beweisen?

Beginnen wir damit, was ich unter „Beweis“ oder „etw. beweisen“ verstehe: Die unzweifelhafte Wahrheit einer Relation oder Aussage zu etablieren. Da die Wissenschaft ausführlichen Gebrauch der Mathematik macht, danke ich dass es angebracht ist, diesen Begriff hier im mathematischen Gebrauch zu verwenden. Anderenfalls würde es zu andauernden Verwirrungen in der Wissenschaftlichen Praxis kommen, welche Bedeutung denn gerade angewandt wird. Ich habe dies nicht beobachte, und auch noch mit keinem Wissenschaftler gesprochen habe, der der Meinung ist eine Theorie bewiesen zu haben oder beweisen zu wollen.

Das zugrunde liegende Problem ist Induktion: Wie können wir unsere bisherigen Erfahrungen in die Zukunft extrapolieren. Wenn alle Schafe, die wir bisher gesehen haben, weiß waren, dann könnten wir die Theorie formulieren: „Alle Schafe die es gibt sind weiß.“ Aber wir werden niemals in der Lage sein dies zu beweisen, denn wir werden nie die Farbe jedes existierenden Schafes überprüfen können. Die Induktion ist hier der Übergang von „Alle Schafe die wir jemals gesehen haben“ zu „alle Schafe die existieren“.

Eine Antwort auf das Problem wurde von Karl Popper in der Mitte des 20. Jahrhunderts formuliert:

  • Wissenschaftliche Theorien sind abstrakt und nur ihre Implikationen können getestet werden. (Wir können nicht alle Schafe überprüfen, aber wir können aus der Theorie die Vorhersage ableiten: „Alle Schafe dieser Herde sind weiß.“)
  • Aber so häufig die Implikationen einer Theorie sich auch als korrekt herausstellen (die Theorie wird dadurch jedes mal „bestätigt“), so können wir dennoch nicht logisch auf die Wahrheit der Theorie schließen. (Wir mögen 1.000 Schafe überprüfen, die sich alle als weiß heraus stellen, dennoch beweist dies nicht, dass alle Schafe auf der Welt weiß sind.)
  • Nur ein einziges Gegenbeispiel genügt, um zu zeigen, dass die Theorie falsch ist. (Wenn das 1.001 Schaf schwarz ist widerspricht dies der Implikation der Theorie, wodurch die Theorie selbst widerlegt wird.)

Popper schloss daraus, dass eine Wissenschaftliche Theorie nicht bewiesen werden kann. Statt dessen wird sie über ihre Implikationen getestet, wobei versucht wird zu zeigen, dass sie falsch ist. Es wird versucht sie zu Falsifizieren. Eine Theorie, die nicht falsifiziert werden kann, ist Anti-Wissenschaftlich. Eine Theorie, die falsifiziert wurde ist falsch uns muss abgelehnt werden. Eine Theorie die bisher in allen Experimenten bestätigt wurde kann vorerst akzeptiert werden, kann aber jederzeit von neuen Erkenntnissen falsifiziert werden und darf daher nicht als wahr angesehen werden.
Somit kann eine Theorie nie “bewiesen” genannt werden, da stets neue Beobachtungen gegen sie sprechen könnten und sie damit ungültig machen können. Dies mag als pessimistische Sicht erscheinen: Man kann nie sicher sein dass unsere Beschreibung der Welt wahr sind. Aber das grundsätzliche Prinzip ähnelt der Evolution und damit dem Leben: Während die Wissenschaftliche Erkenntnis wächst, werden Theorien, die (die Tests) überleben nicht als wahrer, sondern als geeigneter / tüchtiger, unsere Welt zu beschreiben, angesehen. Ganz wie eine geeignete Spezies in der Zukunft trotz ihrer momentanen Tauglichkeit ausgelöscht werden kann, so können auch derzeit geeignete Theorien durch neue Beobachtungen falsifiziert werden.

Nach Popper

Sicherlich hatte Popper nicht das letzte Wort zur Wissenschaftlichen Methode. Rudolf Carnap beispielsweise stimmte Popper zwar zu, dass es keine Möglichkeit einer absoluten Verifikation gibt, aber er argumentierte dass verschiedenen (konkurrierenden) Theorien Wahrscheinlichkeiten zugesprochen werden können. Ihm zufolge kann man so sagen, dass eine gut getestete Theorie wahrscheinlicher wahr ist als eine andere. Thomas Kuhn meinte sogar, dass Anomalien zwischen einer etablierten Theorie und den Experimenten nicht sofort zur Aufgabe der Theorie führen. Statt dessen müssen sich die Anomalien so sehr häufen, dass, wenn eine bessere Theorie gefunden wurde, diese die alte in einer „Wissenschaftlichen Revolution“ ersetzt. Und Imre Lakatos betrachtete die Vorgehensweise der Theorien-Überprüfung genauer und stellte fest, dass sie nicht unabhängig getestet werden können. Es gibt in Experimenten immer Zusatzhypothesen, die nicht direkt mit der zu testenden Theorie zusammen hängen. Ein negatives Ergebnis eines Experiments falsifiziert daher nicht notwendigerweise die Theorie, sondern eventuell nur die Zusatzhypothese.
Aber all diese Positionen haben eines gemeinsam: Sie können alle keine Lösung des Induktionsproblems anbieten, die zum Beweis einer Theorie führen würde.

Zurück zur Frage

Der Hauptgrund, weshalb “Intelligent Design” anti-wissenschaftlich ist liegt daran, dass es nicht überprüfbar ist. Es gibt keine Möglichkeit, die Annahmen von ID zu falsifizieren, es macht keine Vorhersagen und ist folglich nicht wissenschaftlich. Aber um diese Unterscheidung zur Evolutionstheorie aufrecht zu erhalten, müssen wir geradezu darauf bestehen, dass letztere nicht bewiesen ist und nie bewiesen sein kann. Alles was wir tun können ist sie immer wieder zu testen und zu versuchen sie zu falsifizieren. Und mit jedem Mal wo sie bestätigt wird können wir ihr etwas mehr vertrauen. Wir können nie 100% sicher sein, aber vielleicht können wir infinitesimal nah ran kommen. Und ich denke da sind wir schon irgendwo.

Ein anderer Grund für die Diskussion?

Einmal abgesehen vom Inhalt der Diskussion bin ich etwas besorgt über die Tendenz, die sich in einigen Kommentaren zeigt. Einige bestehen darauf, dass die Evolution als bewiesen anzusehen ist. Natürlich mag dies von unterschiedlichen Verwendungsweisen des Wortes „bewiesen“ herrühren. Aber in meinem Hinterkopf hat sich noch eine andere, dunkle Möglichkeit aufgetan: Kann es sein, dass die beständigen Angriffe von Kreationisten und IDoten auf die Evolutionstheorie damit zu tun haben? Nehmen wir einmal an, die Theorie in der PISA-Frage sei die Allgemeine Relativitätstheorie gewesen (Sicher, zu kompliziert für Schulkinder, aber es ist ja nur ein Gedankenexperiment.). Vermutlich hätten dann (fast?) alle die Antwort „ist eine wissenschaftliche Theorie, die sich gegenwärtig auf zahlreiche Beobachtungen stützt“ akzeptiert. Könnte es folglich sein, dass die dauerhaften Versuche, die Evolutionstheorie zu diskreditieren** zu einem defensiveren Verhalten der Blogger (oder sogar Wissenschaftler) führen? Wird die belagerte Evolutionstheorie zusätzlich befestigt? Womöglich in einem Maße, dass der Wissenschaftlichen Methode widerspricht?

Ich will damit nicht sagen, dass die Biologen in diesem Gebiet tatsächlich die Wissenschaftsphilosophie missachten. Sie sind sicherlich mit einer einwandfreien Methodologie ausgestattet, aufgrund des ständigen Beschusses vermutlich besser als manch andere Bereiche. Aber vielleicht tritt das Problem der Über-Befestigung in der Vermittlung der Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit auf. Da haben dann womöglich auch Pressestellen und Wissenschaftsjournalisten einen Einfluss.

Ich muss zugeben, dass ich keine Antworten auf diese Fragen habe (und würde daher gerne eure Meinung dazu hören). Ich bin mir einfach nicht sicher, ob es bei der ganzen Sache nur um Definitionen von Wörtern und eine ungeschickte Übersetzung geht, oder ob hier ein tiefer liegendes Problem im Verständnis oder der Vermittlung von Wissenschaftlichen Methoden vorliegt.
Aber ich weiß, dass es in jedem Fall gut ist, wenn Leute ein Auge auf Fälle wie diesen haben. Man weiß nie, wo Kreationisten plötzlich auftauchen oder über welche Wege sie ihren anti-wissenschaftlichen Glauben in die Köpfe der Menschen zu schmuggeln versuchen.

*: Ehrlich gesagt bin ich sogar der Meinung, dass jeder dies wissen sollte, denn sonst fehlt einem das grundlegende Verständnis was Wissenschaft ist und leisten kann.

**: Man kann hier nicht von legitimen Versuchen die Evolutionstheorie zu falsifizieren sprechen.


Share and Enjoy:
These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.

  • E-mail this story to a friend!
  • Print this article!
  • bodytext
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google
  • LinkArena
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Technorati
  • Yigg

Ähnliche Artikel

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
12 Antworten zu “Wird die Evolutionstheorie übermäßig befestigt?”
  1. kamenin sagt:

    Den Theorie- und Prinzipienbegriff zu unterscheiden, kann sehr hilfreich sein; bei mir habe ich das bestenfalls implizit in der Abwägung gemacht, welche Aspekte der Theorien denn wie gut bestätigt sind. Allerdings: wenn man von “der Evolutionstheorie” spricht oder von “der Gravitation” spricht man meines Erachtens eben nicht über eine konkrete Theorie (es gibt ja ganz verschiedene wissenschaftliche Theorien, wie Gravitation oder Evolution im Detail aussieht und abläuft; dann muss man in so einer Frage schreiben, welche man meint), sondern eben über das Prinzip.
    Dass es ein der Theoriebildung übergeordnetes Prinzip darstellt, erledigt damit aber noch nicht die Frage nach Beweis- und Falsifizierbarkeit. Auch ein Prinzip kann falsifiziert, aber nie abschließend bewiesen werden. Trotzdem mag es einen anderen Evidenzanspruch haben, als die es ausfüllende wissenschaftliche Theorie.

    …Die unzweifelhafte Wahrheit einer Relation oder Aussage zu etablieren. Da die Wissenschaft ausführlichen Gebrauch der Mathematik macht, danke ich dass es angebracht ist, diesen Begriff hier im mathematischen Gebrauch zu verwenden. Anderenfalls würde es zu andauernden Verwirrungen in der Wissenschaftlichen Praxis kommen, welche Bedeutung denn gerade angewandt wird.

    Das kann ich nicht teilen. Das Wort beweisen wird nicht so selten in der Wissenschaft gebraucht. Aber eben nur im umgangssprachlichen Sinne. Es ist einfach nicht das Feld und liegt nicht in den Möglichkeiten der Wissenschaft, “Unzweifelhaftes” zu etablieren.* Darum ist der Beweisbegriff im wissenschaftstheoretischen Sinn auch schlicht leer, da er nie positiv angewandt werden könnte. Und Wissenschaftler können damit untereinander Beweise einfordern: man versteht sich schon nicht falsch, wissenschaftstheoretisch.

    Damit der Unterschied klar ist: es geht um die Wissenschaftskommunikation und um eine Vermittlung von Evidenzgraden. Die Diskreditierungen von Evolutionstheorie laufen ja auch allein über Kommunikation, gegen wissenschaftliche Falsifizierungsversuche hätte niemand was. Die wissenschaftliche Praxis betrifft das gar nicht.** Und da gibt es einen umgangssprachlichen Gebrauch, der eine Bedeutung hat, und den Wissenschaftler unter sich auch benutzen; und einen wissenschaftstheoretischen, der kein einziges positives Element beinhaltet und darum von niemandem benutzt und meiner Meinung nach auch außerhalb derjenigen mit wissenschaftstheoretischen Grundkenntnisse nicht ausreichend verstanden bzw. reflektiert wird. Insbesondere, wenn die Nebelkerzen von interessierter Seite kommen, die unseren abgehobenen Sprachgebrauch gegen uns verwendet, um Wissenschaft damit jeglichen Evidenzcharakter abzusprechen. Mit einigem Erfolg bei einfältigeren Naturen und Uninformierten.

    Ich mein das übrigens durchaus ernst. Ich halte Gravitation und Evolution für so gesichert, dass ich sie für mich für “bewiesen” halte, so das Wort überhaupt einen Sinn hat. Und das kommuniziere ich dann auch in klarer Sprache. Nur weil ich Wissenschaftler bin, stellt das weder ein Gottesurteil über die Wahrhaftigkeit der Evolutionstheorie dar, noch eine Selbstimmunisierung vor Falsifikation. Nur eine sehr entschiedene Einschätzung, wie ich den Stand der Wissenschaft beurteile.

    Wenn wir Wissenschaftstheorie im Übrigen so weit verbreiten, dass derjenige Beweisbegriff so gut verstanden wird wie von Wissenschaftlern, bräuchten wir die Diskussion nicht führen. Zum einen, weil jeder eine klarere Vorstellung von wissenschaftlichem Beweisen hätte. Zum anderen, weil man sich dann wieder nicht falsch verstehen könnte.

    (* ob die Mathematik/Logik das kann, halte ich auch für eine nicht so einfach zu beantwortende Frage)
    (** ironischerweise werden bei fast aller wissenschaftlicher Betätigung sowieso die übergeordneten Theorien implizit als bewiesen vorausgesetzt — solange es eben keine so drastischen Ergebnisse gibt, dass die Theorien selbst noch mal unter die Lupe genommen werden müssen oder es innerhalb dieser keine Lösung zu geben scheint)

    kamenin´s last blog post: Kirchlicher Pro-Choice-Aktivismus

  2. Marcel sagt:

    JLT von *Evil under the Sun* hat zur Unterscheidung zwischen Theorie und Fakt einen Beitrag geschrieben, mit einem sehr schönen Zitat.
    Sicherlich können die Prinzipien ebenfalls falsifiziert werden, ich will sie aber gar nicht als absolute Regeln verstehen: Wir haben beobachtet, dass Leben evolutionär ist / dass Massen einander anziehen. Das ist ein Fakt, heißt aber nicht unbedingt, dass “Alles Leben” evolutionär ist, weil wir solche Allaussagen nicht verifizieren können. (Und man denke mal an die ganzen Lebensformen aus der Sciencefiction Literatur ;-) .) Die Theorie muss also erklären können, warum wir diese Prinzipien beobachten. Wenn dann doch einmal den Prinzipien / Fakten widersprechende Beobachtungen gemacht werden, brauchen wir eine Theorie, die diesen Unterschied erklärt. Wenn ich einen Apfel sehen würde, der nach oben fällt, müssten immer noch die ganzen anderen nach unten fallenden Äpfel erklärt werden.

    Ich denke, wir haben einfach unterschiedliche Auffassungen des Begriffs beweisen, bzw. seiner Verwendung. Ich habe die immer bleibende Restunsicherheit wohl sosehr verinnerlicht, dass “Beweis” mir in Bezug auf Theorien tatsächlich ein leerer Begriff ist. Macht ja eigentlich auch nichts, denn nicht jeder Begriff muss benutzt werden.

    Gerade bei der Wissenschaftskommunikation wäre es meines Erachtens wünschenswert, wenn auch die Wissenschaftstheoretischen Grundlagen vermittelt werden würden, weil es das ist, was Wissenschaft ausmacht. Eine übertriebene Wissenschaftsgläubigkeit hilft ja auch nicht weiter, denn dann gibt es genügend IDler die irgend wo einen Abschluss her haben und dann heißt es, “Wissenschaftler” hätten was-weiß-ich was bewiesen und alle sind überzeugt. Natürlich müssen Evidenzgerade vermittelt werden, aber es wäre schön wenn dies differenzierter geschehen könnte, ohne dass die Gefahr besteht jede Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dafür müssten aber wohl die antiwissenschaftlichen Angriffe aufhören, was eine Zwickmühle ist, weil die sich wohl am besten mit einem korrekten Bild von Wissenschaftlichkeit beseitigen ließen.

    Zusammenfassend: Ich kann verstehen warum der Wunsch besteht, in der Öffentlichkeit von “bewiesenen Theorien” zu sprechen. Aber ich bin zu idealistisch, um dem folgen zu wollen.
    Abgesehen davon ist es schon interessant, wohin einen eine Frage führen kann, die eigentlich für 15-jährige Schüler konzipiert sein sollte. Wäre toll, wenn die Schule ein dafür genügendes Wissenschaftstheoretisches Rüstzeug mitgeben würde, aber das kann nun wirklich keiner erwarten.

  3. kamenin sagt:

    Gerade bei der Wissenschaftskommunikation wäre es meines Erachtens wünschenswert, wenn auch die Wissenschaftstheoretischen Grundlagen vermittelt werden würden, weil es das ist, was Wissenschaft ausmacht.

    Ich denke, dass ist unsere einzige Differenz. Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen haben wir vermutlich keine. Vielleicht ist das eine andere Wahrnehmung der Öffentlichkeit, die sich bei mir auch durchs Bloggen verschoben hat: nicht immer zum Guten, vielleicht sogar nicht mal zum “Wahreren”, aber es verändert schon die Perspektive, wenn man aus seinem gewohnten, durchakademisierten Umfeld raustritt, und dann feststellt, dass grundlegende Begriffe nicht verstanden sind, oft auch nicht verstanden werden wollen.

    Leider geht damit auch eine gewisse Desillusionierung einher, was die Spielräume sind, in denen sich Wissenschaftskommunikation abspielt. Die Frage für mich ist dann, welche Kommunikation größere Risiken und Chancen hat.
    Risiko 1: “Wissenschaft verkündet ‘die Wahrheit’.”
    Risiko 2: “Wissenschaft kann’s eh nicht beweisen, also auch nicht wissen.”
    Wenn es um sehr gut belegte grundlegende Theorien oder Tatsachen geht, finde ich den zweiten Fehler schlimmer. Den ersten kann man viel einfacher korrigieren, beim zweiten findet man sich in Diskussionen über Wissenschaftstheorie wieder mit Leuten, die nach zwei Sätzen abschalten, weil die Aura sich ungut anfühlt. Vielleicht kann man solche Leute eh nicht erreichen, egal, welchen Sprachgebrauch man pflegt. Ich finde nur, wir machen es denen zu leicht, wenn wir den Popper so absolut vor uns hertragen und uns an Maßstäben messen, die wir weder effektiv kommunizieren können, noch auf irgendeinen anderen Bereich des Lebens anwenden können.

    Wäre toll, wenn die Schule ein dafür genügendes Wissenschaftstheoretisches Rüstzeug mitgeben würde, aber das kann nun wirklich keiner erwarten.

    Es wäre für den Anfang ja schon toll, wenn die Fragesteller selbst über genügend wissenschaftstheoretisches Rüstzeug verfügten, die Frage sinnvoll zu übersetzen. Oder tatsächlich eine konkret dargestellte wissenschaftliche Theorie oder zumindest eine klar umfasste Aussage an dem Kriterium messen zu lassen.
    Die Antwort von Manfred Prenzel auf Marcus Anhäusers Blog ist da schon fast frech: “ist doch klar, dass…”. Oder auf deutsch: es ist erwiesen, dass in der Wissenschaft nichts bewiesen werden kann. Das ist eben genau die Sprachungenauigkeit, über die man sich nur bei den Naturwissenschaften aufregt, während man sie im eigenen Denken weiter pflegt.

    Aber das ist eine andere Diskussion für ein anderes mal ;)
    Beste Grüße,
    k.

    kamenin´s last blog post: Kirchlicher Pro-Choice-Aktivismus

  4. 613photo sagt:

    I’m surprised to learn that this subject is even controversial in Europe. You guys seem to think a little differently about these things than we do over here in the USA.

    To me, obviously it is impossible to prove. At the same time, I think we have enough evidence to believe it true.

    613photo´s last blog post: And the Parking Lot was Empty

  5. Marcel sagt:

    @ 613photo: Unfortunately there are creationists in Europe, too. But the problem isn’t as big yet. Still, it’s important to have an eye on them to avoid a situation similar to that in the US.

  6. Jürgen R. sagt:

    Also es gibt inzwischen ganze Lehrstühle die sich seit Jahrzehnten damit beschäftigen einen Beweis für die Evulutions-Theorie! zu finden (bis hin zu Versuchen mit Seepferdchen etc…) .
    Es wird nie gelingen weil diese Theorie ein totaler Quatsch ist!
    Leider sind die Wissenschaftler, die sich gegen die Theorie aussprechen in der Minderheit (vielleicht auch weil nur die Evolutionisten Geld für Forschung bekommen?:-).

    Ehrlich wieso ist die Kapazität des Gehirns millionenfach öher als wir derzeit nutzen können?
    Wann hat sich tatsächlich (bewiesenrmaßen) aus einer Art eine fortpflanzungsfähige andere enwickelt?…ich glaub das gibt´s nicht ´mal bei genmanipulierten Organismen.

    Deshalb find ich diese Frage für die Pisa-Studio absolut ungeeignet.Derjenige der diese Frage in so eine STUDIE implementiert hat sich mit dem Thema (außer vielleicht in der Schule) niemals befaßt. Traurig daß solche Leute über Kinder urteilen dürfen,

  7. Marcel sagt:

    Sorry, ich bin momentan unterwegs und kann mich daher nicht immer zeitnah um Kommentare kümmern.

    @ Jürgen R.:

    A: Evolution ist ein Fakt. Wie man sie erklärt mag Theorie sein (Das ist wie bei der Gravitation: Äpfel fallen nun einmal zu Boden), aber dass sie stattfindet stellt kein vernünftiger Wissenschaftler der sich mit der Materie auskennt in Frage. Sicher gibt es Wissenschaftler, die die Evolution aus üblicherweise Religiösen Gründen in frage stellen. Aber wenn beispielsweise ein Festkörper-Physiker sich darüber äußert ist sein ‘Wissenscharftler-sein’ noch kein Qualitätsmerkmal.

    B: Es ist ein Mythos, dass wir nicht die volle Gehirnkapazität nutzen, und dieser stimmt nicht. Sicherlich gibt es Unterschiede in der geistigen Leistungsfähigkeit verschiedener Menschen, ebenso wie wir alle unterschiedliche körperliche Leistungsfähigkeiten haben. Training hilft aber in jedem Fall.

    C: In den letzten Jahrmillionen/milliarden haben sich offenbar recht häufig Arten aus anderen Entwickelt und fortgepflanzt. Ihre Existenz ist ein schönes Beispiel: Sie sind durch Fortpflanzung ihrer Eltern entstanden, Menschen gab es aber nicht schon immer. Was hat die Frage mit Genmanipulation zu tun?

  8. Evo sagt:

    Marcel, kann es sein, daß Du Dir mit dem ersten Satz der Antwort A selbst widersprichst?

  9. Evo sagt:

    Achso, Du hast auch noch eine Frage gestellt: “Könnte es folglich sein, dass die dauerhaften Versuche, die Evolutionstheorie zu diskreditieren** zu einem defensiveren Verhalten der Blogger (oder sogar Wissenschaftler) führen? Wird die belagerte Evolutionstheorie zusätzlich befestigt?

    Für mich: absolut ja. Es ist nicht, was als Argument vorgebracht wird, es ist die Schärfe mit der argumentiert wird, die Gehässigkeit, die viele Evolutionisten verdächtig erscheinen lässt. Es fehlt die notwendige Gelassenheit, das Bewusstsein der eigenen Schwäche, auch der Schwäche keinen Beweis führen zu können. Das selbst in Front eines Kreationisten gelassen zugeben zu können, dazu hat die menschliche Evolution nicht gerreicht. Und witzigerweise gibt es anscheinend ausgerechnet in der Bibel viele Tipps, wie man mit diesen Ignoranten geschmeidig umgehen könnte. Es wird jede Menge Sauerstoff verbraucht, statt sich auf dem Absatz umzudrehen und an einem weiteren Puzzlesteinchen der Evolutionstheorie zu arbeiten. Wenn überhaupt, wozu taugt das? Weiss woher ich komme und daß meine Existenz ein fleischgewordenes Beispiel für eine evolutionäre Sackgasse darstellt. Wat´n Glück, daß Evolution auch rückwärts kann. Vermute ich mal so.

  10. Marcel sagt:

    Hallo Evo,

    danke dass du auf meine Frage eingehst. Im großen und Ganzen stimme ich dir zu. Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass ein Ignorieren der Kreationisten ihnen vermutlich weiteren Zulauf verschaffen könnte, wodurch ultimativ die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr geraten könnte.

    Zu deinem ersten Kommentar: Sorry, aber ich blicke gerade nicht was du meinst. Welchen ersten Satz?

  11. metaxy sagt:

    Ich bin nicht ganz mit den Schlussfolgerungen aus der Evolutionstheorie vertraut, deswegen möchte ich die Frage stellen: Womit könnte man die Evolutionstheorie falsifiziern? Ich meine damit durch direkte Beobachtungen.
    Bei indirekten Beobachtunge, Fossilien usw, könnte man einfach ein paar Annahmen mehr machen, und damit alles ohne Widersprüche erkären.

  12. Marcel sagt:

    @ metaxy: Naja, ich denke als typisches Beispiel gilt, nachzuweisen dass eine hoeher entwickelte Art vor ihren vermeindlichen vorgaengern existiert hat. Das Klischee eines menschlichen Fussabdrucks mit einem darueber liegenden Fussabdruck eines Dinosauriers (Kreationisten und dergleichen haben hin und wieder ueber dergleichen berichtet, aber solche Abdruecke gibt es inzwischen auch guenstig bei Ebay. Also, man benoetigt schon ein echtes Exemplar :-) ).
    Realistischer waehre wohl, nachzuweisen, dass in einer Zeit zu der es nur Einzeller geben sollte,auch schon komplexe Organismen vorhanden waren. Ich bin aber auch nicht sehr bewandert in die Biologie (Ist mir alles zu kleinskalig. Galaxien, das ist eine Groesse die mir gefaellt ;-) ).

Hinterlasse einen Kommentar